Interview mit Professorin Yihui Wang, neue Inhaberin der Professur für Öffentlichen Verkehr

Prof. Dr. Yihui Wang wurde zum 1. Februar 2026 zur Leiterin der Professur für Öffentlichen Verkehr berufen. Als international anerkannte Expertin für nachhaltige und intelligente Bahnsysteme wechselt sie von der Beijing Jiaotong Universität an unsere Fakultät. Ihre Arbeit verbindet modellprädiktive Regelung, Optimierung und künstliche Intelligenz mit Kernfragen des Bahnbetriebs und der Schienenverkehrsplanung.

Wir haben mit Yihui Wang über ihre ersten Tage an unserer Fakultät gesprochen und sie zu ihren Zukunftsplänen in Forschung und Lehre befragt.

Lisa Dreßler: Willkommen an unserer Fakultät, Professor Yihui Wang. Sie sind die neue Inhaberin der Professur für Öffentlichen Verkehr. Was hat Sie dazu motiviert, Ihre akademische Laufbahn auf den Öffentlichen Verkehr auszurichten und was fasziniert Sie bis heute an Ihrem Fachgebiet?

Yihui Wang: Meine Motivation, mich auf den Öffentlichen Verkehr zu konzentrieren, beruht auf der festen Überzeugung, dass Mobilität eine grundlegende Voraussetzung für das Funktionieren der Gesellschaft ist. Während meiner frühen akademischen Ausbildung in Automatisierung und Verkehrsinformationstechnik wurde mir bewusst, wie komplex Verkehrssysteme sind. Sie vereinen Technologie, politische Entscheidungsprozesse, menschliches Verhalten und ingenieurwissenschaftliche Methoden.

Insbesondere der Öffentliche Verkehr liegt an der Schnittstelle zwischen Technologie und gesellschaftlicher Wirkung. Im Gegensatz zum Individualverkehr mit privaten Pkw betrifft jede getroffene Entscheidung im Öffentlichen Verkehr viele Menschen zugleich. Wenn wir ihn gut gestalten, können wir Effizienz und Zugänglichkeit für eine große Anzahl von Menschen verbessern. Das halte ich sowohl für gesellschaftlich bedeutsam als auch für äußerst spannend.

Ein weiterer Aspekt, der mich inspiriert, ist der rasche gesellschaftliche Wandel. Das Mobilitätsverhalten verändert sich. Junge Menschen weisen häufig andere Mobilitätsmuster auf als ältere Generationen. Gleichzeitig altert die Bevölkerung – sowohl in China als auch hierzulande. In vielen Regionen sind ältere Menschen stark auf den Öffentlichen Verkehr angewiesen. Dienstleistungen so zu gestalten, dass sie die Bedürfnisse unterschiedlicher Gruppen berücksichtigen und allen Beteiligten im System zugutekommen, ist eine anspruchsvolle, aber zugleich sehr reizvolle Aufgabe.

LD: Was sind Ihre wichtigsten Forschungsschwerpunkte für die kommenden Jahre?

YW: Ein zentrales Thema, das ich untersuchen möchte, ist die bedarfsorientierte Planung und Fahrplangestaltung. Heute haben wir Zugang zu großen Datensätzen und können das Verhalten von Fahrgästen deutlich präziser analysieren. Dadurch können wir Angebote entwickeln, die besser an die tatsächliche Nachfrage angepasst sind. Einige Fahrgäste bevorzugen flexible On-Demand-Dienste, während andere eher traditionelle, feststehende Angebote schätzen. Der Öffentliche Verkehr sollte flexibler werden und diese unterschiedlichen Bedürfnisse stärker berücksichtigen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die multimodale Mobilität. Wir verfügen über Busse, Straßenbahnen, Eisenbahnen, Bike-Sharing-, Car-Sharing-Systeme und potenziell sogar Mobilitätslösungen in der Luft. Traditionell wurden diese Verkehrsträger getrennt voneinander geplant. Aus Sicht der Nutzerinnen und Nutzer geht es jedoch vor allem darum, von einem Ort zum anderen zu gelangen. Deshalb müssen wir verschiedene Verkehrsmittel besser integrieren und Umstiege reibungsloser sowie komfortabler gestalten.

Ein nutzerzentrierter Planungsansatz ist ebenfalls von großer Bedeutung. Menschen haben unterschiedliche Präferenzen – einige möchten ihre Reisezeit minimieren, andere vor allem Kosten sparen. In Zukunft sollten wir in der Lage sein, solche individuellen Vorlieben systematischer in die Verkehrsplanung zu integrieren.

LD: Wie sehen Sie die Rolle des Öffentlichen Verkehrs im Kontext von Klimawandel und Urbanisierung?

YW: Wenn wir Umweltziele erreichen und eine bessere Zukunft gestalten wollen, müssen mehr Menschen vom privaten Pkw auf den öffentlichen Verkehr umsteigen. Das wird jedoch nur gelingen, wenn der öffentliche Verkehr attraktiver und nutzerfreundlicher wird.

Digitale und datenbasierte Plattformen, wie etwa Mobility-as-a-Service-Lösungen, können dabei helfen, indem sie verschiedene Verkehrsmittel zu einem nahtlosen System verknüpfen.

Der öffentliche Verkehr steht zudem in Verbindung mit dem Güterverkehr. Durch das Wachstum des Online-Handels werden immer mehr Pakete innerhalb von Städten transportiert. Ein in der Forschung diskutierter Ansatz besteht darin, freie Kapazitäten im Öffentlichen Verkehr – insbesondere in Nebenverkehrszeiten – zu nutzen, um Güter zu zentralen Umschlagpunkten zu befördern. Von dort aus könnte die letzte Zustellung separat organisiert werden. Selbstverständlich müssen dabei Sicherheitsaspekte, regulatorische Fragen und die Akzeptanz der Fahrgäste sorgfältig berücksichtigt werden.

LD: Sie haben bereits neue Technologien erwähnt, die die Verkehrsforschung heute beeinflussen. Wie können Ihrer Meinung nach aufkommende Technologien wie Künstliche Intelligenz, Echtzeit-Datenanalyse oder Automatisierung die Effizienz und das Nutzererlebnis im Öffentlichen Verkehr verbessern?

YW: Automatisierung wird in Zukunft eine bedeutende Rolle spielen. In Bahnsystemen ist der Automatisierungsgrad bereits relativ hoch. In den kommenden Jahren könnten wir auch in anderen Bereichen des Öffentlichen Verkehrs mehr automatisierte Fahrzeuge sehen. Allerdings ist Sicherheit von entscheidender Bedeutung – insbesondere beim Transport einer großen Anzahl an Fahrgästen.

Künstliche Intelligenz eröffnet neue Möglichkeiten zur Analyse von Daten und zur Optimierung von Systemen. Durch die Kombination von KI mit klassischen Methoden des Operations Research können wir potenziell bessere Lösungen finden. KI kann uns dabei unterstützen, Muster in komplexen Datensätzen zu erkennen und innovative Optimierungsansätze zu entwickeln.

LD: Der Öffentliche Verkehr ist häufig durch komplexe Wechselwirkungen zwischen Ingenieurwissenschaften, Politik und Sozialwissenschaften geprägt. Wie setzen Sie die interdisziplinäre Zusammenarbeit in Ihrer Forschungsarbeit um?

YW: Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist essenziell, da der Öffentliche Verkehr von Natur aus ein komplexes System ist. Unterschiedliche Disziplinen bringen unterschiedliche Perspektiven ein. Um effektiv zusammenzuarbeiten, benötigen wir strukturierte Formate wie gemeinsame Workshops, abgestimmte Lehrveranstaltungen und gemeinsam betreute Promotionsprojekte.

Ebenso wichtig ist es, gemeinsame Ziele zu definieren, etwa die Steigerung der Effizienz oder die Reduzierung des Energieverbrauchs, und diese in Teilziele zu untergliedern, die von verschiedenen Disziplinen bearbeitet werden. Darüber hinaus ist die Zusammenarbeit mit lokalen Verkehrsunternehmen und politischen Entscheidungsträgern von großer Bedeutung, da sie Maßnahmen in der Praxis umsetzen. Wissenschaftliche Forschung sollte praktische Anwendungen unterstützen, Theorie und Praxis müssen zusammengeführt werden.

LD: Gerechtigkeit und Zugänglichkeit sind zentrale Themen in der Verkehrsplanung. Wie können öffentliche Verkehrssysteme inklusiver werden?

YW: Barrierefreiheit beginnt bei der Infrastruktur und der Gestaltung der Fahrzeuge. Beispielsweise sind in Dresden viele Straßenbahnen und Busse so konzipiert, dass sie Menschen mit Behinderungen den Zugang erleichtern.

Gerechtigkeit umfasst jedoch auch die Bezahlbarkeit. Die Ticketpreise müssen einkommensschwache Gruppen berücksichtigen und gleichzeitig die finanzielle Tragfähigkeit des Systems sichern. Zudem dürfen ländliche Räume nicht vernachlässigt werden. Wenn Verbindungen zu selten angeboten werden, ist der Öffentliche Verkehr keine realistische Alternative. Die Herausforderung besteht darin, wirtschaftliche Tragfähigkeit und soziale Verantwortung in Einklang zu bringen.

LD: Kommen wir zum Thema Wissensvermittlung. Wie sieht Ihre Lehrphilosophie bei der Ausbildung der nächsten Generation von Studierenden aus? Und wie verbinden Sie Theorie und Praxis in Ihren Lehrveranstaltungen?

YW: Studierende benötigen eine solide theoretische Grundlage und methodische Kompetenzen, um praktische Probleme kritisch und eigenständig bearbeiten zu können. Gleichzeitig sollten sie eine interdisziplinäre Perspektive entwickeln.

Verkehr ist eng mit dem Alltag und realen Systemen verknüpft. Daher setze ich neben Vorlesungen und Prüfungen auf praxisorientierte Projekte, idealerweise in Zusammenarbeit mit Unternehmen oder lokalen Verkehrsbetreibern. Die Arbeit in Gruppen ist dabei besonders wichtig, da das Berufsleben Teamarbeit erfordert. Die Verbindung aus fundiertem theoretischem Wissen und praktischer Erfahrung ist entscheidend.

LD: Haben Sie einen Rat für Studierende, die einen beruflichen Weg in der Verkehrsforschung oder -planung in Betracht ziehen?

YW: Zunächst sollten sie neugierig bleiben und offen für neue Technologien sein. Das Feld entwickelt sich rasant, und Innovationen, die einst unrealistisch erschienen, werden heute bereits erprobt.

Zweitens sollten sie bereit sein, lebenslang zu lernen. Verkehr ist ein interdisziplinäres Fachgebiet und erfordert Kenntnisse in Datenanalyse, Optimierung, Ingenieurwissenschaften und Sozialwissenschaften. Ebenso wichtig sind Kooperationsfähigkeiten, da Verkehrssysteme viele unterschiedliche Akteure einbeziehen.

LD: Sie hatten bereits Gelegenheit, Dresden während Ihres Aufenthalts als Dresden Senior Fellow im Jahr 2024 kennenzulernen. Wie empfinden Sie Ihre neue Wahlheimat und wie blicken Sie auf Ihre berufliche und persönliche Zukunft?

YW: Im Jahr 2024 habe ich sowohl das wissenschaftliche Umfeld der Fakultät als auch das Leben in Dresden kennengelernt. Ich schätze die offene und freundliche Atmosphäre sehr. Die Forschenden hier widmen sich intensiv Themen, die sie wirklich interessieren, was ich als inspirierend empfinde.

Auch persönlich gefällt mir die Stadt sehr. Ich gehe gern an der Elbe spazieren, verbringe Zeit in den Parks und genieße die entspannte Atmosphäre. Auch meiner Tochter gefällt die Stadt. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, selbst wenn es Sprachbarrieren gibt. Insgesamt blicke ich sehr positiv auf diesen neuen Lebensabschnitt in Dresden – sowohl beruflich als auch privat.

LD: Vielen Dank für das Gespräch. Noch einmal ein herzliches Willkommen und alles Gute für Ihren Start an unserer Fakultät.

YW: Vielen Dank. 

Originalautor

Lisa Dreßler/ Red. bearb.

Professur für Öffentlichen Verkehr

Die Forschungsthemen an der Professur für Öffentlichen Verkehr umfassen nachhaltige und resiliente öffentliche Verkehrssysteme, bedarfsorientierte Planung und Fahrplangestaltung im öffentlichen Verkehr, multimodale Mobilität und Echtzeit-Verkehrsmanagement sowie die Integration von Urban Air Mobility und neuen Verkehrstechnologien

Wenn wir Umweltziele erreichen und eine bessere Zukunft schaffen wollen, müssen mehr Menschen vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. Dies wird jedoch nur geschehen, wenn öffentliche Verkehrsmittel attraktiver und nutzerfreundlicher werden.

Prof. Yihui Wang